Der stationäre Handel kann vom Internet profitieren
Interview mit Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer des HDE
INTERNETHANDEL: Herr Pellengahr, immer mehr Menschen kaufen im Internet. Was bedeutet das für den stationären Handel?
Pellengahr: Natürlich stellen Online-Shops eine Konkurrenz für den stationären Handel dar. Wir glauben allerdings nicht, dass es durch das Internet auf Dauer zu nennenswerten Umsatzeinbußen für den klassischen Handel kommen wird. Das Wachstum des Online-Marktes muss nicht unbedingt eine Bedrohung für den klassischen Handel sein. Die meisten erfolgreichen Onlinehändler sind ja zugleich etablierte stationäre Fachhändler, die sich mit dem Internet nur einen weiteren Absatzkanal erschlossen haben.
INTERNETHANDEL: Stichwort Preiskampf. Viele stationäre Händler klagen über die aggressive Preisgestaltung der Online-Shops und darüber, dass immer mehr Verbraucher sich zwar im stationären Handel informieren, dann aber online kaufen.Wie bewerten Sie die Situation?
Pellengahr: Kunden, die sich im Laden beraten lassen, um dann im Internet zu bestellen, verhalten sich unfair. Hier gibt es aber einige Strategien, mit denen Fachhändler antworten können. Es besteht zum Beispiel die Möglichkeit, sich besonders aufwändige Beratungsleistungen honorieren zu lassen. Insgesamt muss die Kommunikation mit dem Kunden verbessert werden. Dem Kunden muss verdeutlicht werden, dass Beratung und Service im Fachhandel nicht nur vor, sondern auch nach dem Kauf stattfinden – zum Beispiel im Gewährleistungsfall. Das gibt es bei eBay eben nicht. Ich sehe auch das Phänomen, dass viele Verbraucher sich im Internet über ein Produkt schlau machen, um es dann anschließend beim Fachhändler um die Ecke zu erwerben. So gesehen profitiert der stationäre Handel auch vom Internet.
INTERNETHANDEL: Wie hoch ist inzwischen der Online-Anteil am Gesamtumsatz des deutschen Einzelhandels?
Pellengahr: Für dieses Jahr gehen wir von einem Umsatz von 16,3 Milliarden Euro im Onlinehandel aus. Der Gesamtumsatz des Einzelhandels wird voraussichtlich bei 380 Milliarden Euro liegen. In 2005 lag der Online-Umsatz bei 14,5 Milliarden Euro, 2002 hatten wir acht Milliarden Euro. Die Steigerungsraten haben sich im Onlinehandel also leicht abgeschwächt. Trotzdem bleibt dieser Bereich das Zugpferd, während der Gesamtumsatz nur noch leicht wächst, im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent. Alle Zahlen beziehen sich übrigens nur auf den B-to-C-Handel.
INTERNETHANDEL: In welchen Bereichen ist der Onlinehandel besonders stark?
Pellengahr: Vor allen Dingen Bücher werden immer häufiger im Internet gekauft. Dann kommen die Bereiche Foto-Entwicklung sowie Schreibwaren und Bürobedarf, wie zum Beispiel Tintenpatronen. Technische Artikel wie PCs, Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräte werden inzwischen ebenfalls relativ oft online gekauft.
INTERNETHANDEL: Wie wirkt sich die allgemeine WM-Euphorie auf die Umsätze im Einzelhandel aus?
Pellengahr: Unsere Erwartungen haben sich erfüllt. Besonders positiv ist die Entwicklung im Bereich Unterhaltungselektronik. Schon im Vorfeld der WM wurden jede Menge Flachbild-Fernseher verkauft. Wir rechnen insgesamt mit einem zusätzlichen WM-Umsatz von rund zwei Milliarden Euro. Genaue Zahlen werden uns aber erst Anfang August vorliegen.
INTERNETHANDEL:Wie bewerten Sie die Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozent ab dem 1. Januar 2007?
Pellengahr: Die Mehrwertsteuererhöhung ist ein großer Fehler. Sie wird den Konsum der Verbraucher und damit das Wachstum hemmen. Wir haben daher bis zuletzt gegen die Erhöhung gekämpft – leider ohne Erfolg.
INTERNETHANDEL: Wie wird der Handel mit der Mehrwertsteuererhöhung umgehen?
Pellengahr: Es wird Preiserhöhungen geben. Der Handel kann die höhere Steuerbelastung nicht aus eigener Tasche finanzieren. In welchen Bereichen die Preise am stärksten erhöht werden, wird letztlich der Markt entscheiden. Das lässt sich jetzt noch nicht prognostizieren. Wichtig ist, dass die Händler dem Verbraucher gegenüber klar kommunizieren, dass die Politik verantwortlich ist für die höheren Preise und dass diese nicht vom Handel ausgehen.
Vita:
- seit 1998 Sprecher und Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE)
- 1993-1998 Grundsatzreferent des Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Hermann Otto Solms
- Jahrgang 1960, katholisch, verheiratet, drei Kinder

